Die Prophetie von Camparmò

 
 

Verfasser: P. Ricardo Argañaraz

Text der Prophetie

Das Licht wird deine Finsternis erleuchten,
die Nacht weicht dem Tage
und meine Herrlichkeit leuchtet auf.
Du, Licht meiner Herrlichkeit, sollst erstrahlen;
Du, Wort meines Mundes, sollst sein;
Du, Tat meiner Liebe, sollst ausführen.
Deinen Durst zum Tun,
deinen Hunger zum Sein,
Ich, der Herr, kenne sie.

Camparmò wird mein Haus des Gebetes sein:
mit meinen Jungfräulichen werden meine Armen wohnen.
Haus der Umkehr, der Gemeinschaft,
wo meine Liebe den Glanz meiner Auferstehung haben wird.
Camparmò, Zeichen der Einheit, der Heiligkeit, der Herrlichkeit.
Camparmò, Wohnstatt Gottes.
Von meinem Haus wird Neue Berufung, Neue Evangelisierung ausgehen.
Camparmò, Zeichen der Umkehr und der Treue zu Gott.

Alle, die Ich, der Herr, euch senden werde,
sind von Mir auserwählt und gewollt,
um von dir, meinem Diener, geliebt und genährt zu werden;
von Mir, dem Herrn und Gott, werden sie gebraucht und geformt
nach meinem Willen
und für mein herrliches Werk.

Du wirst der Hirte der Armen und der Jungfräulichen sein,
keiner von euch wird zugrunde gehen,
denn groß ist meine Liebe für euch.
Du wirst das Zeichen des neuen Hirten sein:
Alles wird sich erfüllen und ihr werdet mich in Ewigkeit verherrlichen.

Eure Hände seien immer zu Mir erhoben,
um in dem Werk gesegnet zu sein, das ihr ausführen sollt.

Fürchte dich nicht: Ich spreche zu dir durch das Herz.

Biella, 25. August 1978

Einleitung

Historischer Aspekt

Es gibt zwei Grundhaltungen, die mein Leben geprägt haben und in meinem Herzen stets gegenwärtig waren: der brennende Wunsch nach Freundschaft und eine starke Neigung zum Gebet. Wenn ich auf die 79 Jahre meines Lebens zurückschaue, sind es diese beiden Gefühle, die mein persönliches Leben und meine Beziehungen geformt haben. Ich kann sagen, dass ich bereits im Kindesalter freundschaftliche Bindungen zu vielen Brüdern und Schwestern geknüpft hatte. Seitdem ich Jesus persönlich begegnet bin, habe ich mein Gebet nie mehr bei Seite gelassen; es sind nun 61 Jahre täglichen Gebetes.

Die Gründung der Gemeinschaft Johannes der Täufer, und somit auch die Prophetie, die wir als die Prophetie von Camparmò bezeichnen, sind in diesem strukturellen Rahmen meiner Persönlichkeit zu betrachten.

Gleich nach der Ausgießung des Heiligen Geistes, die am 4. Mai 1975 in Ronchi di Villafranca, in dem Bistum von Padua, stattgefunden hat, ist in mir der Wille aufgekommen eine Gemeinschaft zu gründen in der das Gebet eine zentrale Rolle haben würde. Indem ich “zentral” sage, meine ich hiermit, dass das Gebet eine beträchtliche Zeit einnehmen sollte. So, wie es seinerzeit in den Klöstern gewesen ist, in denen die 24 Tagesstunden gleichermaßen in acht Stunden für Gebet, acht für Arbeit und acht für die Nachtruhe eingeteilt waren. Daran erkennt man, dass die Gebetszeit den anderen zwei Zeiten überlegen war. Denn während dieser wurden auch andere Dienste verrichtet, die für die Versorgung und Abwicklung des Alltags notwendig waren.

Gleich nach der Ausgießung des Heiligen Geistes vernahm ich in meinem Inneren eine eindringliche und gleichzeitig sanfte Stimme: „Komm in die Wüste, dort werde ich zu dir sprechen.” Diese Eingebung teilte ich den Brüdern mit, mit denen ich zusammenlebte und das Gemeinschaftsleben teilte. Die Antwort war einstimmig: „Ja, diese Stimme kommt vom Herrn; du musst ihr folgen.”

Mit der Zustimmung meiner Brüder aus der priesterlichen Gemeinschaft entschied ich mich zwei Monate einer Wüstenzeit zu leben, ähnlich dieser, die ich mit 18 Jahren gemacht hatte, als ich Jesus getroffen hatte. Ich zog mich zurück auf den Berggipfel Palon in der Gebirgskette des Pasubio in den kleinen Dolomiten; dort lebte ich in einem kleinen Häuschen nahe der Kirche, die den gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges gewidmet ist. Am 4. Juli 1975 begann ich meine Wüstenzeit; in den ersten zwei Wochen fastete ich komplett und nahm nur Wasser zu mir. Der Herr schenkte mir Licht bezüglich der zukünftigen Gemeinschaft und sprach klar zu meinem Herzen: „Ich werde dir einen Ort links von diesem Tal geben. Dort wirst du mit Geschwistern wohnen und es sind nicht diejenigen, mit denen du jetzt wohnst”. Zusammen mit dieser Eingebung erhielt ich ein Bild von zwei Wegen, die den Berg hinauf- und hinunterführten: Der eine war dunkel und man sah, wie ihn an vielerlei Krankheiten leidende Menschen hinaufstiegen. Der andere war hell und man sah völlig geheilte und freudige Menschen hinuntergehen.

Später, am 19. September 1975, kam ich in Camparmò an, das in der Nähe von Valli di Pasubio, im Bistum von Vicenza liegt. Der Ort befindet sich genau auf der linken Seite des Gipfels Palon, so, wie es mir vom Herrn gesagt worden ist. Am 2. April 1976 nahmen wir die ganze Siedlung von Camparmò, gemeinsam mit dem jungen Sandro Bocchin, endgültig in Besitz. Diese war seit 1902 verlassen und in den Jahren zwischen 1914 - 18 von einer Kaserne des italienischen Regimentes, das dort zur Verteidigung der Front am Berg Pasubio untergebracht war, bewohnt gewesen. Vom 2. April ´76 an begann ich mit Hilfe eines ausgezeichneten Maurers die verfallenen Häuser der Siedlung herzurichten.

Am 24. Juni 1978 erhielt Antonietta Salvan, eine Schwester aus der Charismatischen Erneuerung in Cossato aus dem Bistum Biella, eine Prophetie, die sich auf mich bezog. Sie schickte mir diese über den Vorgesetzten der priesterlichen Gemeinschaft, der ich immer noch angehörte. Die Kernaussage dieser Prophetie war: „Lasst Ricardo`s Füße frei, damit er nach Camparmò geht; diesen Boden habe Ich gesegnet.” Ich kannte Antonietta nicht. Viel später, als ich die Möglichkeit hatte sie kennenzulernen, sagte sie mir, dass sie bereits seit dem Jahr 1976, auf Befehl des Herrn, für einen Priester betete, den sie in der Person von P. Ricardo erkannte. Dieser Priester war ich.

Dies ist die erste Prophetie, die der Herr Antonietta für Camparmò gegeben hat. Die nächste kam zwei Monate darauf- genauer gesagt am 25. August 1978. Diese zweite Prophetie beinhaltet das Programm für Camparmò und hat die Gemeinschaftserfahrung von Camparmò und der ganzen Gemeinschaft Johannes der Täufer eingeleitet.

Die Prophetie, die der Herr gegeben hat, ist in diesen geschichtlich-geografischen Zusammenhang einzuordnen .Ich werde sie nun anhand meiner 35 Jahre langen Erfahrung seit der Gründung von Camparmò und angesichts der Erfahrung der ganzen Koinonia kommentieren.

Beschreibung der Prophetie

Die Prophetie hat sehr knappe und bündige Konzepte; bei der ersten Lektüre ist es schwer, sie in ihrer Fülle verstehen zu können. Sie setzt ein Verständnis voraus, das aus dem Glauben und der nicht nur persönlichen geschichtlichen Erfahrung, sondern auch aus der Kenntnis der historischen Ereignisse der Kirche stammt. Es ist eine Prophetie, die nach knapp mehr als zehn Jahren nach der Beendigung des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden ist. Man muss also nachdrücklich betonen, dass es eine Prophetie ist, die nicht nur von Auffassungen durchsättigt ist, die „biblisch“ sind, sondern „biblisch“ im Hinblick auf das Zweite Vatikanische Konzil.

Ich schlage folgende Aufteilung vor, die ich dann im Einzelnen weiter ausführen werde:

1. Der erste Teil ist gänzlich der Person des Gründers gewidmet, d.h. meiner Person.
2. Der zweite Teil spricht davon, was Camparmò, und somit die Koinonia, ist.
3. Der dritte Teil zeigt auf, wer dazu berufen ist, Mitglied der Gemeinschaft Johannes der Täufer zu sein.
4. Der vierte Teil beschreibt die Aufgabe des Hirten.
5. Der fünfte Teil bezieht sich auf die Lebensweise der Koinonia-Mitglieder.
6. Zuletzt geht es erneut um meine Person als die des Gründers.

In ihrem ersten Teil sagt die Prophetie, was der Herr in meinem Herzen und in meinem Leben bewirken wird.

Im zweiten Teil wird beschrieben, was die Koinonia in ihren verschiedenen Bestandteilen (Oasen, Realitäten, Familiengemeinschaften, Häuser des Gebetes) sein soll. Die Identität von Camparmò ist Haus des Gebetes zu sein, das von der Auferstehung des Herrn erstrahlt und Zeichen seiner Gegenwart auf dieser Erde ist. Aus dem Haus des Gebetes und aus dem Zeichen seiner Gegenwart wird neue Berufung und neue Evangelisierung herausströmen.

Der dritte Teil spricht von der Besonderheit der Koinonia Mitglieder. Sie betont, dass sie vom Herrn gesendet werden, weil sie von Ihm auserwählt und gewollt sind. Die Aufgabe der Koinonia ist es, sie zur Verwirklichung Seines „herrlichen Werkes“ zu formen.

Im vierten Teil wird die Absicht Gottes gezeigt, dass ich als Gründer Zeichen des neuen Hirten sein soll und dass sich alles erfüllen wird, damit Gott in Ewigkeit verherrlicht wird.

Im fünften und somit letzten Teil wird den Mitgliedern der Koinonia die Aufgabe gegeben, ihre Hände immer zum Herrn zu erheben, um den Segen zu empfangen und auf diese Weise durch die neue Berufung die Neue Evangelisierung zu verwirklichen.

Die Prophetie endet mit dem Befehl, mich ins Exil zu begeben, aus dem der Herr mich nach einer Zeit der Läuterung nach Camparmò zurückrufen werde. Dann schließt die Prophetie mit einer Verheißung ab: „Fürchte dich nicht, Ich spreche zu dir durch das Herz“.

1. Der Gründer

Die Prophetie sagt, dass der Heilige Geist die Finsternis aus meinem Herzen und aus den Lebensumständen, in denen ich mich befand, durch sein Licht verbannen würde. Die Finsternis bezieht sich nicht auf einen Zustand der Sünde, sondern vielmehr auf einen Mangel an Licht und Erkenntnis bezüglich des Werks, dass der Herr durch mich erfüllen wollte. In der Tat, angesichts der 36 Jahre seit der Prophetie, verstehe ich nun, dass die Finsternis dem Mangel an Unterscheidung und an Verständnis für das Werk, das Projekt, die Vision entsprach, die mir der Herr durch die Prophetie gegeben hatte. Im Laufe der Zeit, nach und nach, hat der Herr diese Finsternis durch verschiedene Begebenheiten hell gemacht. Dieses fortschreitende Verständnis wird sehr gut durch den Gebrauch des Gerundiums (im Italienischen) dargestellt: „Die Nacht ist gerade dabei, dem Tag Platz zu machen und meine Herrlichkeit leuchtet auf”, d.h. die Nacht ist gerade dabei, zu Ende zu gehen, weil die Sonne der Herrlichkeit Gottes den Tag erleuchtet. Deswegen befiehlt mir der Herr aufzuleuchten, zu sein und auszuführen. Indem ich in meinem Leben seine Herrlichkeit annehme, die in der Verwirklichung seines Willens besteht, bin ich tatsächlich dazu eingeladen, zu leuchten; ich bin eingeladen, Verkünder seines Wortes zu sein. Dies sind Einladungen, die mit einer Liebe erfüllt werden müssen, die heldenhaft gelebt wird.

Der erste Teil schließt ab, indem der Herr bezeugt, dass Er mich, sowie meinen Durst zum Tun und meinen Hunger zum Sein kennt; so wie es im Psalm geschrieben steht: „Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.” (Ps 139,1).

Der ganze erste Teil bietet eine Spiritualität nicht nur für die Hirten von morgen, sondern für jedes Mitglied der Koinonia Johannes der Täufer. So wird mehr als der asketische Aspekt des Eigenlebens des Christen der mystische betont. Die Person ist nicht das „Movens” (die Ursache), sondern „mota” (lat. durch etwas bewegt); d.h. die Person bewegt sich nicht von selbst, sondern sie wird vom Heiligen Geist, durch seine Gaben, bewegt.

Diese Art von Spiritualität unterstreicht die Tatsache, dass es der Herr ist, der unsere ganze Person in ein wahres mystisches Leben verändert. Und das ist sein Werk. Dieses mystische Leben führt dazu, dass wir Christus immer ähnlicher werden. Es bedeutet, eine starke Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, unter der Wirkung des Heiligen Geistes zu haben. Dieser bewirkt schmackhafte Früchte und Seligkeit, die Vorgeschmack auf das ist, was uns im Paradies erwartet. Dieses mystische Leben, sowohl des einzelnen Mitglieds, als auch der ganzen Gemeinschaft, wird in der Freundschaft, mit einer heldenhaften Liebe, gelebt. Die Folge ist, dass wir uns mit dem Herrn identifizieren, der uns dazu drängt, das Leben für den Herrn und unsere Geschwister, so wie es Jesus getan hat, zu geben.

Denn wir haben nicht einen Geist empfangen, der uns zu Sklaven macht, sondern einen Geist, der uns zu Söhnen macht (vgl. Röm 8,15) und durch den wir rufen: „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir” (vgl. Gal 2, 20).