Fastenzeit 2020

 
 

An alle Geschwister der Oasen – Realitäten der
Koinonia Johannes der Täufer

Christus ist auferstanden!

„Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ (Lk 10,25)

Ein Gesetzeslehrer wendet sich an Jesus mit dieser Frage, um ihn auf die Probe zu stellen. Die Herzensabsicht dieses Gesetzesexperten ist nicht aufrichtig, jedoch ist die Frage, mit der er sich an Jesus richtet, grundlegend und es ist gut, dass auch wir sie uns stellen, besonders während der Fastenzeit.

Der in der Frage verwendete Ausdruck „tun, um“ verdeutlicht die typisch jüdische Mentalität des Gesetzeslehrers und verweist darauf, dass wir nicht gut und heilig sein können, ohne dass wir etwas tun, was unsere Güte anregen bzw. zeigen würde. Mit anderen Worten: Es genügt nicht, das Böse zu unterlassen oder den Bedürfnissen und Anfragen um uns herum gegenüber gleichgültig zu bleiben. Wir müssen an ihnen Teil haben und unseren Part übernehmen. Die Unentgeltlichkeit der Rettung in Jesus bleibt dabei bestehen.

Zurück zur gestellten Frage – der Meister antwortet mit einer Gegenfrage: „Was steht im Gesetz, was liest du?“ Indem der Betroffene das Schema Israel zitiert: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,5), zeigt er seinerseits, dass er wirklich das Wesentliche des alten Bundes verstanden hat.

Und so wird unser Tun konkret durch das Verb „lieben“; das sich an erster Stelle darauf bezieht, Gott zu lieben.

Mit ganzem Herzen bedeutet, den Herrn in den Mittelpunkt unseres Lebens und Handelns zu stellen. Dies ist leichter gesagt, doch im Alltag erfahren wir die Schwäche unseres Herzens und somit auch unserer Entscheidungen bezüglich der Liebe. Leider sehen wir sehr leicht Brüder und Schwestern, die in ihrer frei und spontan getroffenen Entscheidung, den Herrn in der Jungfräulichkeit oder Ehe zu lieben, abkommen. Es bedeutet, dass das Herz, langsam, aber unerbittlich, erkaltet ist und Gefühle gehegt hat, die mit der einst getroffenen Entscheidung im Widerspruch stehen. Wir sind Experten im Handy-, Computergebrauch, fasziniert von der Technologie, jedoch wissen wir nicht, wie wir mit den Gefühlen, die in unserer inneren Welt aufkommen, umgehen sollen. Wir sind uns darüber nicht im Klaren, dass, wenn sie behalten und gehegt werden, sie uns von der Gemeinschaft, der Ehefrau oder dem Ehemann und schließlich vom Herrn wegbringen können.

Die Treue, eine für die Liebe charakteristische Tugend, führt, wenn sie verraten wird, in der Gemeinschaft zur Entmutigung, Unsicherheit, Angst, Enttäuschung und vielen anderen unangenehmen Situationen; und kann manchmal sogar in der Verzweiflung enden. Aus diesem Grund müssen wir unser Herz behüten und, wenn es nötig ist, bereit sein, das, was uns von der eingenommenen Verpflichtung ablenkt, aufzugeben.

Mit ganzer Seele bedeutet bereit zu sein, Gott bis zur Hingabe des eigenen Blutes, das in der Bibel für das Leben steht (Lev 17,14), zu lieben. Es ist die typische Liebe der Märtyrer, die bereit waren zu sterben, um den Geliebten nur nicht zu verraten. Zweifellos wird die authentische Liebe, früher oder später, an unserer Tür klopfen und uns hinterfragen: Wie viel bist du bereit zu opfern, wie weit reicht deine Liebe?

Mit ganzer Kraft bedeutet, gemäß einer alten jüdischen Interpretation, mit unserem ganzen Geld, d. h. unsere finanziellen Mittel aufs Spiel setzend.

Die Berufung zur Liebe betrifft somit unser ganzes Dasein. Im 6. Kapitel des Matthäusevangeliums sagt uns Jesus konkret, wie wir lieben sollen und geht dabei von den drei Ebenen des Schema Israel aus:

  • Mit ganzem Herzen: indem wir beten; nicht um uns zu zeigen, sondern mit einem an Ihn gewandten Herzen und der Bereitschaft, das zu tun, worum er uns bittet. Und falls das Gebet für dich nur zu einem Synonym der Fürbitte geworden ist, dann ist jetzt der Augenblick, um dich in Seine Gegenwart zu stellen und Ihn sprechen zu lassen, weil Er der Meister ist und dich ermutigen, und wenn notwendig, zurechtweisen wird.
  • Mit ganzer Seele: indem wir fasten, jedoch nicht mit einem blassen und leidenden Gesichtsausdruck. Finden wir gemeinsam die Kraft zu fasten, mit dem Bewusstsein, dass fasten „lieben“ bedeutet und die Liebe alles belohnt.
  • Mit ganzer Kraft: indem wir Almosen geben, ohne Angst zu haben, dass wir mit der Großzügigkeit übertreiben, und mit dem Vertrauen auf den Herrn, der den „fröhlichen Geber liebt“ (2 Kor 9,7).

Liebe Schwester und lieber Bruder, die Fastenzeit ist eine Gelegenheit, die uns Jesus gibt, um die Qualität unserer Liebe zu prüfen und wie üblich, hängt es von uns ab, ob wir sie nutzen oder nicht. Die Einladung, die ich an dich richte, besteht darin, die Quantität und Qualität des Gebetes zu steigern, auf den Alkohol zu verzichten (als ein guter Johannes der Täufer) und großzügig zu sein.

Möge uns der Herr segnen und dieses Ostern die Gnade gewähren, aus den Schemata des Egoismus herauszukommen und in den Mittelpunkt unseres Herzens die Geschwister zu stellen, die unsere Nächsten und das Sakrament Christi sind.

Ich wünsche euch frohe Ostern.

Tiberias, 22. Februar 2020

P. Giuseppe De Nardi
Generalhirte